Ich war 16 und mein Vater fotografierte das Alpenglühen der Dolomiten. Das wollte ich auch und er gab mir seine Voigtländer. Dankbar und vom Glück meines jugendlichen Lebens da draußen reich beschenkt wurde der Fotoapparat zur Engrammiermaschine, ohne die ich das Haus nicht mehr verließ. Der Film ließ nun keine Angst mehr aufkommen, etwas zurücklassen zu müssen, es womöglich gar zu vergessen. Aus der Begegnung mit Hans Gsellmann, dem hochverehrten großen Fotografen und Lehrmeister, wuchs zunächst das Bemühen, dann das Ringen um das perfekte Bild jeder erhaltenswerten Wahrnehmung. Nun war es umgekehrt: ich folgte der Kamera! Ihre Welt war voller bunter Farben und chaotischer Geometrie, aufwühlender Information und monochromer Stille. Nach 40.000 belichteten Dias, hunderten Veröffentlichungen in Büchern, Magazinen, Plakaten, Vorträgen und TV musste ich mir eingestehen, daß doch ein kleiner Teil von mir zum Fotografen geworden war.

Meine Fotos sind unverfälscht, kamen nie mit der digitalen Welt in Kontakt, keine Hochgeschwindigkeitsserien mit Zufallsprodukten, keine Nachbearbeitung, keine Tricks, keine Filter, nur Blende, Verschlusszeit, Kodachrome und Leica. Das Ziel war klar: die Natur so zu zeigen wie sie sein kann, aber bei weitem nicht immer ist. Ihre Menschen hat sie dabei an der Hand, manchmal vielleicht ein wenig zu nachsichtig. Genauer betrachtet bedeutet jedes Foto, das irgendwo auf dieser Welt egal von wem geschossen wird, das Einfrieren eines einzigen, nie wieder kehrenden Momentes. Die Fotografie, aus meiner ganz persönlichen Sicht eine viel zu oft vollkommen überbewertete Sparte jener kreativen Leistungen des Menschen, die gemeinhin als Kunst bezeichnet werden, leistet hier allerdings etwas Außergewöhnliches. Nie wiederholt sich in unserer Welt ein Augenblick , die unabänderliche Veränderung dessen, was fließt, und wir wissen seit Heraklith, daß alles fließt, weckt den Wunsch am Festhalten. Die Erinnerung alleine reicht nicht aus, sie verklärt immer, und neigt zur zwar angenehmen, aber unehrlichen Schönfärberei. Die fotografische Aufnahme schenkt uns das Erlebnis Schönes in Ruhe betrachten zu dürfen, über Kritisches länger nachdenken zu können, Furchtbares besser verstehen zu lernen, und gleichermaßen Wichtiges wie Unwichtiges ganz einfach nicht zu vergessen. Das Foto ist , vorausgesetzt mit den oben beschriebenen Prämissen produziert, unbestechlich. Diese Eigenschaft dürfen Erzählungen und Texte in ihrem Register nicht anführen, sie sind nie frei von Interpretation. So begleitet mich trotz leiser Sorge um die Fotografie wegen fortschreitender digitaler Machtübernahme immer die Hoffnung, dass die Suche nach dem allerbesten Bild ein freudvolles Abenteuer bleiben darf.

Teddy Inthal, Songwriter & Photographer